
Mit den Jahren entwickelte sich nicht nur ich weiter – auch die Fotografie blieb nicht stehen. Aus der alten Sucherkamera war längst eine Kleinbildkamera geworden.
An Schwarzweiß hielt ich trotzdem noch eine ganze Weile fest. Nicht aus künstlerischer Überzeugung. So weit war ich damals noch nicht. Es lag schlicht und ergreifend am Geld.
Farbfilm war für einen Schüler bereits ein kleiner Luxus. Die Kosten für die Entwicklung des Farbfilms war für mich bezahlbar, doch die Farbabzüge verschlangen Summen, die mein Taschengeld zuverlässig in die Knie zwangen.
Zum Glück gab es Onkel Bruno.
Ich habe ihn ja schon mehrfach erwähnt. Er war gewissermaßen mein persönlicher Ausrüster. Dank ihm stand mir alles zur Verfügung, was man für eine Schwarzweiß-Dunkelkammer benötigte. Das Labor befand sich allerdings nicht in einem professionellen Keller oder einem eigens eingerichteten Raum.
Nein.
Es war die fensterlose Toilette unserer Wohnung.
Mit wenigen Handgriffen wurde aus dem stillen Örtchen ein Fotolabor. Der Vergrößerer fand seinen Platz, Entwickler und Fixierer standen bereit, und plötzlich roch das Badezimmer weniger nach Badezimmer als nach Chemieunterricht.
Einen kleinen Nachteil hatte die Sache allerdings.
Während der Pflaumenzeit war meine Dunkelkammer nur eingeschränkt nutzbar.
Nicht etwa, weil dort Pflaumen gelagert wurden.
Nein.
Wer schon einmal reichlich Pflaumen gegessen hat, weiß, dass diese Früchte eine ganz eigene Beziehung zur menschlichen Verdauung pflegen. Und da sich meine Dunkelkammer ausgerechnet in der fensterlosen Toilette befand, musste ich in dieser Jahreszeit regelmäßig unfreiwillige Entwicklungspausen einlegen.
Man könnte sagen: Nicht jede Bildentwicklung hatte in dieser Zeit Vorrang.
Sagen wir einfach: Die Dunkelkammer hatte saisonale Öffnungszeiten.
Trotzdem liebte ich dieses Labor.
Von der Aufnahme bis zum fertigen Bild lag jeder einzelne Arbeitsschritt in meinen Händen. Es hatte etwas ungemein Beruhigendes, das unbelichtete Papier in den Entwickler gleiten zu lassen und abzuwarten. Langsam erschienen zuerst Konturen, dann Grautöne und schließlich das fertige Bild.
Bis heute empfinde ich diese Momente als Magie.
Natürlich hoffte man gleichzeitig, dass Fokus und Belichtung gepasst hatten. Diese Spannung, diese Hoffnung machten diese Momente zu etwas Besonderem.
Heute genügt ein Blick auf das Kameradisplay.
Gefällt nicht? Löschen.
Noch einmal.
Fertig.
Praktisch ist das zweifellos. Romantisch eher weniger.
Heute wird oft im Hau-Ruck-Verfahren fotografiert. Damals brauchten wir Geduld. Damals musste man sich bereits vor dem Auslösen überlegen, wie das Bild gelingen sollte. Die Möglichkeiten in der Postproduction waren beschränkt. Heute fotografiert man nicht selten nach dem Prinzip „Trial and Error“.
Es dauerte allerdings nur wenige Jahre, bis ich die Farbe auch für mich entdeckte. Der Diafilm wurde populär. Hierbei machte man sich die Transparenz des Films zunutze. Für ungefähr zehn Mark bekam man den Film – und die Entwicklung war bereits im Preis enthalten. Teure Papierabzüge entfielen komplett.
Der Haken?
Man brauchte einen Diaprojektor. Also musste wieder gespart werden.
Fotografiert wurde überwiegend an Wochenenden oder im Urlaub. Ein bestimmtes Genre hatte ich damals noch nicht gefunden. Ich fotografierte einfach alles, was mir vor die Linse kam.
Und genau das stellte die Geduld meiner Mitmenschen regelmäßig auf eine harte Probe.
Ein Spaziergang mit mir war niemals nur ein Spaziergang.
Während andere einen Wanderweg sahen, entdeckte ich plötzlich einen Käfer, eine Libelle oder eine besonders interessante Blüte. Sekunden später war ich bereits irgendwo im Gebüsch verschwunden.
Nicht selten hörte ich irgendwann meinen Namen durch den Wald hallen.
Offenbar hatten meine Begleiter beschlossen, einen Suchtrupp zu bilden.
Bienen besitzen übrigens eine bemerkenswerte Eigenschaft.
Sie bleiben genau so lange friedlich auf einer Blüte sitzen, bis ich die Kamera in Position gebracht habe.
Dann starten sie. Punktgenau in dem Moment.
Zur nächsten Blüte.
Und ich hinterher.
Man vergisst in solchen Momenten erstaunlich schnell, dass man eigentlich nicht alleine unterwegs ist.
Was die Jagd nach Insekten angeht, so hatte ich auch schon mal Erfolg.
Im Biologieunterricht konnte ich später voller Überzeugung berichten, dass Libellen während der Paarung derart mit sich selbst beschäftigt sind, dass man sich ihnen bis auf wenige Zentimeter nähern kann. Durch ein Makroobjektiv eröffnet sich dabei eine Welt, die dem bloßen Auge meist verborgen bleibt.
Meine Lehrerin war beeindruckt.
Die Libellen empfanden dies wohl eher als Voyeurismus.
Machen wir einen kleinen Zeitsprung.
Inzwischen hatte ich neben der Fotografie tatsächlich auch noch Zeit gefunden, eine Familie zu gründen. Gemeinsam mit meiner Frau und unseren beiden Söhnen verbrachten wir einen Urlaub auf einem Pferdehof in Südtirol.
Ein Paradies.
Zumindest für einen Fotografen. Ich hatte es mittlerweile aufgegeben, hektischen Insekten hinterher zu jagen. Pferde wurden nun zum Objekt meiner fotografischen Begierde.
Mein Plan war denkbar einfach: Die Pferde auf der Weide fotografieren. Ganz natürlich. Ohne Zäune im Vordergrund. Mit viel Atmosphäre.
Die Erlaubnis des Hofbesitzers hatte ich selbstverständlich eingeholt.
Also kletterte ich über den Weidezaun und suchte mir in respektvoller Entfernung einen geeigneten Platz.
Nicht aus Angst vor den Pferden.
Sondern wegen des Teleobjektivs.
Ich wollte die Tiere möglichst groß ins Bild holen und gleichzeitig das hohe Gras im Vordergrund als weichen Rahmen nutzen. Also ging ich in die Hocke.
Kaum hatte ich mich hingesetzt, geschah etwas Merkwürdiges.
Die gesamte Herde hörte auf zu fressen.
Und Pferde hören eigentlich nie auf zu fressen.
Stattdessen blickten sie geschlossen in meine Richtung.
Einen kurzen Moment später trabten sie auf mich zu.
Alle.
Innerhalb weniger Sekunden war ich von neugierigen Pferden umringt.
Das eine untersuchte meinen Rucksack.
Das nächste schnupperte interessiert am Objektiv.
Ein drittes hielt es für eine gute Idee, kräftig in meine Richtung zu niesen.
Mein fotografischer Flow war – sagen wir – ausbaufähig.
Also beschloss ich, den Standort zu wechseln.
Mehr Abstand.
Neuer Versuch.
Wieder in die Hocke.
Keine Minute später stand die komplette Herde erneut um mich herum.
Dasselbe Spiel.
Nach dem dritten erfolglosen Anlauf kapitulierte ich.
Am Abend saßen wir gemütlich am Lagerfeuer. Ich erzählte dem Hofbesitzer von meinem offensichtlich misslungenen Fotoshooting.
Noch bevor ich den letzten Satz beendet hatte, brach er in schallendes Gelächter aus.
„Alle unsere Pferde haben eine Westernausbildung“, erklärte er schließlich.
„Und ein Westernpferd weiß genau, was zu tun ist, wenn sich der Cowboy hinsetzt.“
Es kommt zu ihm.
Sofort.
Die Pferde hatten also alles richtig gemacht.
Der einzige Fehler bestand darin, dass ich weder Cowboy war noch Südtirol der Wilde Westen.
Ich vermute allerdings, dass man sich auf diesem Pferdehof in Kastelruth bis heute an den Fotografen erinnert, der dreimal versuchte, eine Pferdeherde aus der Ferne zu fotografieren – und dreimal freundlich von ihr belagert wurde.
Fotografie ist ein wunderbares Hobby. Sie verbindet Kreativität, Achtsamkeit und Freude. Ich möchte mit meinen Bildern zeigen, wie erfüllend es sein kann, die Welt durch die Linse zu betrachten – und dich dazu einladen, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.